SCHWÄBISCHES TAGBLATT, 26.2.2018

 

„Dann muss das krachen“

Selbstverteidigung Senioren können sich auch mit dem Gehstock oder dem Regenschirm wehren. Wie das geht, zeigt der Cane-Fu-Lehrer Jan Fitzner. Von Wolfgang Albers

 


 

W

 

enn Jan Fitzner durch Tübingens Straßen läuft, sieht er viele Bewaffnete. Nicht mit dem Baseball-Schläger, nicht mit dem Klappmesser, nicht mit dem Revolver oder Sturmgewehr. Sondern ganz legal bewaffnet. Mit dem Gehstock.

 

Wer jetzt lächelt, weil er sich das Mütterchen mit ihrer Krücke fuchtelnd vorstelltder war nicht am Samstagmorgen in der Begegnungsstätte Hirsch. Dort steht Fitzner auf seinem Stock gestützt. Geht plötzlich einen Schritt zurück, legt den Stock auf die Schulter. Dann schnellt der Arm vor, dazu ein rascher Schritt nach vorneund der Stock peitscht in eine Kunststoff- matte. Ein Knall wie ein Schuss ist das, die Matte biegt sich tief durch. So ein Schlag auf den Kopf – da friert einem das Lächeln vielleicht für alle Ewigkeit ein.

 

Stöcke sind also Waffen– und in der Hand von Senioren wirksame Selbstverteidigungs-Instrumente. Dies lehrt Fitzner seit einigen Jahren, Samstag war seine Tübingen- Premiere. Der 63-Jährige ist Allge- meinarzt in Wendlingen, und weiß, dass zu den Beschwernissen seiner älteren Patienten auch ein gestei- gertes Unsicherheitsgefühl gehört.


Wenn die Kräfte nachlassen, fühlt man sich auch in möglichen Konflikten nicht mehr so gewappnet. Und als leichter zu attackierendes Opfer.

 

Nun ist Fitzner Kampfsportler von Kindheit an, hat es zu hohen Graden in einer Variante des Kung

 

 

 

Wenn ich Selbst- verteidigung ma-

 

chen will, dann muss das Pfeffer haben.

 

Jan Fitzner, Selbstverteidigungs-Lehrer

 

 

 

Fu gebracht und sich in philippinische Stockkampfkünste eingeübt. Und ist schließlich auf die Idee gekommen: Statt Kampfstöcken kann man auch mit Gehstöcken oder Regenschirmen hantieren.

 

Cane - Fu nennt er das, vom englischen Wort cane für Stock, angelehnt an Kung Fu. So werden All- tagsgegenstände tauglich für den Kampfsport. „Ich habe mir auch schon unendlich überlegt, wie man mit einem Rollator kämpfen kann“, sagt Jan Fitzner. Aber vor allem liebt er seine Gehstöcke. Er sammelt sie, hat schon rund 40 beieinander (dazu einen unzerbrechli-


chen Kampfregenschirm) und gerne einen dabei, wenn er unterwegs istauch wenn er noch ganz sportlich zu Fuß ist. Was man alles damit machen kann? Acht Frauen, die älteste 88 Jahre alt, und ein Mann üben, wie man mit dem Stock Fäuste abblockt, Hiebe abwehrt, einen Würgegriff aushebelt.

 

Oder gleich sich mit einer Attacke Respekt verschafft. Und da weiß Fitzner viele Möglichkeiten, vom einfachen sogenannten Flip- Schlag (den Stock zwischen die Beine des Gegenübers hochschnellen lassen) bis zu der ausgefeilten Choreografie eines Schlaggewitters: Erst einen Hieb von seitlich oben auf Schädel oder Schulter, dann weitermachen: „Wenn der Pöbler Alkohol hat, spürt der den Schlag nur halb und ist doppelt so mutig.“

 

Also weiter: den Stock in den Bauch rammen, den nächsten Stich in die Zähne setzen, von unten gegen das Schienbein, dann den Stock wie einen Hammer von oben niederkrachen lassen und dann in einer Achterbewegung wie mit einem Samurai-Schwert abwechselnd links und rechts zuschlagen.

 

Zu gewalttätig? „Das ist eine legitime ethische Überlegung“, sagt Fitzner. „Aber wenn ich Selbstver-teidigung machen will, dann muss das Pfeffer haben, dann muss das krachen.“ Immerhin: „Wenn der am Boden liegt, schlag ich nicht noch drauf, dass es eine Ruhe gibt– das wäre Notwehrexzess.“

 

Wie realistisch ist eine solche Gegenwehr? Vor allem für jemanden, der seinen Stock zum Stützen braucht und gar nicht sicher genug auf den Füßen ist für einen solchen Schlagwirbel? Da rät Jan Fitzner zu Bescheidenheit: „Die wichtigste Waffe ist immer noch das Handy, um Hilfe zu rufen.“

 

Stressige Situationen meiden, bei Verbalattacken zu deeskalieren versuchendas ist für Senioren die Strategie der ersten Wahl. „Und wenn der 18-Jährige aus dem Milieu, der schon 40 Schlägereien hinter sich hat, Geldbörse oder Handy fordertgebt es raus! Da haben wir Senioren keine Chance.“

 

Cane-Fu hat andere Zwecke. Es ist auch eine Seniorengymnastik der anderen Art, an der die Teil- nehmer sichtlich Spaß hatten. Es ist ein Mittel für den extremen Notfall. Und es ist ein Baustein, das Selbst- bewusstsein zu stärken: „Wenn wir so auftreten, werden wir weniger als ein leichtes Opfer wahrgenom- men – und kommen so weniger in heikle Situationen.“

 

 

 

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